Geschichte der Deutschen in der Tschechoslowakei

In der ersten Tschechoslowakischen Republik (1918–1938) stellten die Deutschen mit über drei Millionen Menschen deutlich mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung dar. Überwiegend deutschsprachig besiedelt waren die Grenzgebiete, die sog. „Sudetengebiete“ – darunter auch das höchste böhmische Gebirge, das Riesengebirge.

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Schneekoppe – Der höchste Berg der Tschechischen Republik /foto: Jan Kirschner/

Die Deutschen kamen in die böhmischen Länder seit dem Mittelalter auf Einladung der böhmischen Könige, in der Zeit der Kolonisierung. Abgesehen von den ersten Jahren nach der Republikgründung überwog unter den einheimischen Deutschen lange Zeit die Tendenz, sich mit der Existenz der Tschechoslowakei abzufinden. Trotzdem standen einer erfolgreichen Integration der Deutschen in dem tschechoslowakischen Staat große Hindernisse im Weg. Viele Deutsche konnten es kaum hinnehmen, nach dem Untergang der Donaumonarchie in der neuen Republik nicht mehr der gesellschaftlich und politisch dominierenden Nationalität, sondern nur mehr einer Minderheit anzugehören. Zudem war die Nationalitätenpolitik des tschechoslowakischen Staates, in dem nur Tschechisch und Slowakisch als Staatssprachen galten, gegenüber den Deutschen nicht immer genügend sensibel. Die Entwicklung nach dem Jahre 1929 war von der Weltwirtschaftskrise gekennzeichnet, die gerade auf die deutschen Grenzgebiete besonders starke Auswirkungen hatte. Eine weitere Zäsur war dann das Jahr 1933, als Adolf Hitler im benachbarten Deutschland die Macht an sich riss. Von seinen wirtschaftlichen und außenpolitischen Erfolgen war ein immer größerer Teil der böhmischen Deutschen fasziniert. Viele Deutsche in der Tschechoslowakei erkannten allerdings schon in dieser Zeit die Gefahr des Nationalsozialismus und entschieden sich, ihm Widerstand zu leisten. Zu ihnen gehörte auch der bekannte kommunistische Aktivist Willi Gaida aus Oberhohenelbe. Man vermittelte den politischen Flüchtlingen aus Deutschland Unterkünfte, finanzielle Unterstützung, Arbeitsmöglichkeiten und halfen bei illegalen Grenzübertritten und dem Schmuggel von verbotenen Schriften in das nationalsozialistische Deutschland. Die stärkste deutsche Partei in der Tschechoslowakei – die Sudetendeutsche Partei (SdP) mit Konrad Henlein an der Spitze – bekannte sich im Frühjahr 1938 offen zum Nationalsozialismus und machte sich unumwunden das Programm eines Anschlusses der Sudetengebiete ans Deutsche Reich zu eigen. In den Kommunalwahlen im Mai und Juni 1938 gehörten neben den Kommunisten nur wenige sudetendeutsche Kandidaten zur Opposition gegen Henlein. Ein großer Wahlerfolg der SdP, die etwa 90 Prozent der deutschen Stimmen erhielt, war das Vorspiel zu den Ereignissen vom September 1938, als fast 30 000 deutsche NS-Gegner aus den unsicheren Grenzgebieten ins tschechoslowakischeBinnenland flohen. Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Sudetengebiete im Oktober 1938 wurde eine legale Tätigkeit der sudetendeutschen NS-Gegner unmöglich. (die Quelle: Museum in Ústí nad Labem/ Aussig an der Elbe)

Geschichte der Deutschen im Riesengebirgsort Hackelsdorf (Herlíkovice)

Deutschsprachige Bewohner kamen ins Riesengebirge später als ins Gebirgsvorland und besiedelten vorwiegend das Mittel- und Ost-Riesengebirge. Das westliche Gebirge war mehr tschechisch. Die ersten Bewohner im 16. Jh. waren Bergleute und Bergbauern. Von der bergmännischen Vergangenheit zeugen die Hammer im Wappen von Hackelsdorf und von dem nahen Pommerndorf (Strážné). Seit dem Ende des 19. Jh. entwickelte sich der Tourismus.

In diesem Jahrhundert entstand im Zuge des Kirchenkampfes „Los von Rom“ vor allem in Hackelsdorf eine starke evangelische Minderheit von 15%. Eine führende Rolle in dieser Bewegung hatte der Bürgermeister Franz Erben, Inhaber des Gasthauses Zur Sonne. Das Gasthaus stand an der Stelle des heutigen Bergheimes/Horský domov (Erholungseinrichtung der Evangelischen Kirche der böhmischen Brüder, www.horskydomov.cz). Die frischgebackenen Evangelischen entschieden sich für den Bau einer eigenen Kirche. Das Projekt haben die sächsischen Architekten Schilling und Gräbner erarbeitet. Die Kirche wurde am 2. Juni 1904 feierlich eingeweiht. Ohne Hilfe des Gustav-Adolf-Werks wäre es jedoch nicht möglich gewesen.
Die deutsche evangelisch-lutherische Kirche in der Tschechoslowakei ging in den Jahren 1945-1946 mit der Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung unter. Mit den Schuldigen mussten die Unschuldigen das Land verlassen. Es wurde kaum unterschieden. Die neue tschechische Bevölkerung war bei weitem nicht imstande, zahlenmäßig die ursprüngliche deutsche zu ersetzen. Hackelsdorf wurde deshalb im Jahre 1951 als selbstständige Gemeinde aufgehoben. Die Weberei verschwand, die Landwirtschaft wurde reduziert. Pommerndorf mit Hackelsdorf wurde zum Fremdenverkehrsort und Wintersportzentrum. (www.horskydomov.cz, www. strazne.eu).

Der Hamburger aus dem Riesengebirge und andere Geschichten der deutschen Hackelsdorfer

Interessant ist das Schicksal der Besitzer von Häusern, die heutzutage zum Erholungsheim der evangelischen Kirche gehören. Eine von den Hütten, die saniert werden soll, gehörte bis zur Aussiedlung im Jahre 1946 Laurenz Fischer. Merkwürdig ist besonders der Lebensweg seines Sohnes Heinrich, genannt Hamburger.

 

Er beteiligte sich als Interbrigadist am Bürgerkrieg in Spanien. Dazu hatte ihn wahrscheinlich der Kommuniste Willi Gaida aus Oberhohenelbe/Hořejší Vrchlabí angeregt, von Bedeutung war offenbar für ihn auch die Möglichkeit, in Barcelona zur Marine kommen zu können. Nach seiner Rückkehr aus Spanien 1939 endete der junge Fischer – trotz seines Engagement auf der republikanischen Seite – nicht im KZ. Vor dem Arrest hatte er sich wahrscheinlich durch Anzeigen seiner Mitkämpfer gerettet. Der Einsatz in einer ausländischen Armee galt in Nazideutschland als Straftat, und die Interbrigadisten wurden von der Gestapo verfolgt. Während des Zweiten Weltkrieges diente Heinrich bei der deutschen Kriegsmarine. Er kehrte aus dem Krieg nicht zurück. Im Zweiten Weltkrieg fielen insgesamt 32 Hackelsdorfer, vorwiegend an der Ostfront. Als Matrose war Heinrich Fischer eine Ausnahme. Von seinen Landsleuten bekam er deswegen den Beinamen „Hamburger“. Böhmen ist ein Binnenland, in jener Zeit wurde wenig gereist, – für die Bergbewohner dürfte Heinrich Fischer ein besonderer Kerl gewesen sein.

Beachtenswert ist ebenso das Schicksal der Bewohner von anderen Häusern, die jetzt der Kirche gehören. Das Hauptgebäude (Nr.19, Gasthaus „Zur Sonne“) und die „Vilka“ (Nr.99, eine Bäckerei) hatte Familie Erben im Besitz, „Vokurka“ (benannt nach dem „Volksverwalter“ in der Nachkriegszeit, Nr.79) gehörte Marie Krausová. Familie Erben hatte acht Kinder. Von dieser Familie kamen im Krieg vier Männer ums Leben (Gerhard – geb. 1925, Heribert – geb. 1905, Karl – geb. 1922, Vinzenz – geb. 1916). Die übrigen Familienmitglieder wurden nach dem Krieg ausgesiedelt. Im Staatsarchiv Trutnov waren nähere Angaben herauszufinden: die Familie Fischer ging am 21.5.1946 im Transport Nr. 25034 nach Fürth im Walde. Es waren wohl vier Personen: Laurenz – geb. 1875, Marie – geb. 1907, Gottfried – geb. 1941 und Günter – geb. 1944. Alte, Frauen und Kinder. Familie Erben kam in die russische Besatzungszone (Bad Schandau). (Die Quelle und foto: Die alte Heimat Hackelsdorf und Ochsengraben an der oberen hohen Elbe – H. Heller-Dommermuth a Dr. Hans Pichler, Marktoberdorf, 2006 )

Das Erholungsheim Herlíkovice/Hackelsdorf – seine Bedeutung für die Kirche in der Zeit des sozialistischen Regimes

Nach der Aussiedlung der Deutschen wurde die Bergkirche von der Evangelischen Kirche der böhmischen Brüder übernommen, die von den Volksverwaltern des konfiszierten deutschen Eigentums auch die nahen Häuser aufkaufte.: Ein Komplex von insgesamt vier Häusern (Hütten) diente seitdem als ein kirchliches Erholungszentrum unter dem Namen Horský domov/Bergheim. Mit dem umliegenden Grundstück und Kuhstall funktionierte es zugleich als landwirtschaftliches Unternehmen und oblag der Pflicht, den Boden zu bebauen und einen Teil der Produkte an den Staat abzuführen. Arbeitseinsätze der Urlauber waren zu der Zeit ganz geläufig, die Abende wurden dann für geistige Programme und Vorträge genutzt (was sonst vom Regime verfolgt wurde). Nach der Wende wurde das abgebrannte Hauptgebäude neu aufgebaut – als Berghotel. Heutzutage wird das Erholungsheim sowohl für kommerzionelle als auch für kirchliche Zwecke genutzt. (Nähere Informationen unter: www.horskydomov.cz)

Neues Leben für die alte Berghütte

Ein verlassenes, seit 20 Jahren leerstehendes Haus, einst das Eigentum der Familie Laurenz Fischer, danach Urlaubsunterkunft für mehrere Generationen der tschechischen Evangelischen. Gegenwärtig bemüht sich die Bürgervereinigung Přátelé Herlíkovic/Freunde von Hackelsdorf um die Sanierung und eine neue Nutzung des Hauses.

Foto: J. Kirschner

Foto: J. Kirschner

Foto: Jan Kirschner (Fischer haus 2012)

Angesichts der bewegten Geschichte des Ortes bietet sich die Idee eines kleinen Museums der Hackelsdorfer Geschichte an. Gleichzeitig könnte das Haus als einfache, preiswerte Unterkunft für Jugendliche oder größere Familien dienen, möglicherweise auch mit einer kleinen Wirtschaft und Imbiss für Touristen. Diskutiert wird auch die Möglichkeit des betreuten Wohnens für eine Gruppe behinderter Erwachsener.

 

die Übersetzung / překlad: Hana Jüptnerová

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